Hier gibt es
nichts zu sehen
Eins gleich vorweg: In diesem Newsletter gibt es nichts zu sehen. Denn hier, wo wir euch bildlich normalerweise einladen zum Kunstschauen, gibt es heute nur die Dokumentation eines Ausstellungsbesuchs – eines Besuchs, bei dem es nichts zu sehen gab. Ums Hin-Schauen und Nicht-Zeigen geht es heute ganz generell. Denn (positive, negative, nicht bewertbare) Lücken und Leerstellen fallen uns gerade besonders auf. Meistens sind sie wichtig, Weil sie zum Nachdenken anregen. Oder ganz neue Zugänge zu dringlichen Themen eröffnen. Zurück zu unseren Newsletterbildern: Die 3 heute ausgewählten Pics stammen aus der aktuellen Ausstellung "Die letzten Bilder" von Miriam Visaczki im Kunstraum Schwaz – und sie zeigen: eben gerade keine Bilder. Wir müssen uns ganz und gar auf unsere Ohren verlassen, wenn wir "die letzten Bilder" sehen wollen. Das hat einen Hintergrund: Visaczki hat für ihre Schau mit dem Bildatlas #LastSeen zusammengearbeitet. Das Projekt versammelt Fotografien von NS-Deportationen zwischen 1938 und 1945. Diese zeigen Zwangsmärsche – also Menschen, die abgeführt wurden. Und Menschen, die dabei zuschauten. Ja, Deportationen von Verfolgten, von Juden und Jüdinnen, von Sint:izze und Rom:nja wurden dokumentiert. Auch wenn später scheinbar niemand etwas davon gewusst haben will. Visaczki hat die Bilder – also das Darauf und das Drumherum – für ihre Ausstellung jetzt für eine Audioinstallation einsprechen lassen. Und eine visuelle Lücke hinterlassen. In Schwaz sind aktuell Zeugnisse aus Eisenach und Breslau zu hören. Aber auch Tirol ist Thema – in diesem Vortrag hier über Deportationen und Vertreibungen zur NS-Zeit in Tirol. Also nochmal: Sehen könnt ihr diese Ausstellung nicht. Hören müsst ihr sie unbedingt.
 
In München hat das Hin-Schauen und Nicht-Zeigen gerade ebenso eine politische Dimension. Eine sehr aktuelle sogar. Die Villa Stuck wollte ab 5. März in einer Veranstaltungsreihe über die Diskussionskultur diskutieren. In "Conditions of No" sollte es um Boykotte, Zensur, Protest, um Meinungs- und Kunstfreiheit, mitunter wohl auch um das Sprechen über den Nahostkonflikt gehen – alles, was unsere Kulturlandschaft gerade eben beschäftigt. Die Organisator*innen haben die Reihe mit Gästen wie Meron Mendel oder Candice Breitz nun aber noch vor der Eröffnung "gecancelt". Der Grund für die Absage, so liest man online bei der Villa Stuck, die Stadt München hätte "gegen die Rednerliste interveniert". Die "Rahmenbedingungen der Stadt München, insbesondere der BDS-Beschluss", heißt es hier, hätten es "unmöglich gemacht, die Referent*innenliste wie geplant zu präsentieren." Wer mehr wissen möchte, könnte hier reinhören. In München ist das Thema der Diskussionsreihe nun jedenfalls Realität geworden. Man wollte hin-schauen. Und will jetzt eben später zeigen, dass auch weiterhin gesprochen werden muss.
 
Eine weitere Leerstelle ist uns gerade in Bozen aufgefallen. Und auch sie führt in die aktuellste Politik. Der Kunstverein AR/GE Kunst zeigt mit "Pfeffer und Oliven. Zur Gegenüberwachung" gerade eine Ausstellung mit Arbeiten von Leander Schwazer und dem Duo Broomberg & Chanarin (aka The Late Estate Broomberg & Chanarin). Zeigt, oder eben gerade nicht? "Angesichts der zunehmenden Unsicherheit in den besetzten Gebieten des Westjordanlands in den letzten Wochen können wir eine der ursprünglich für die Ausstellung vorgesehenen Arbeiten nicht zeigen", heißt es bei AR/GE Kunst online und auch in der Ausstellung selbst über ein Werk von Broomberg & Chanarin. Und das mit gutem Grund: Man wolle den "Schutz aller an dem Kunstprojekt beteiligten Mitglieder des Kollektivs zu gewährleisten." Eine Lücke bleibt dennoch. Und: Es bleibt kompliziert. Wahrscheinlich übrigens auch bei Hilma af Klint – und damit zur wirklich letzten Leerstelle im heutigen Newsletter. Wenn man den Großneffen der schwedischen Pionierin abstrakter Kunst fragt, dann möchte er eine solche Leerstelle jedenfalls provozieren. Das (so wichtige!) Werk seiner Großtante will er nicht mehr zeigen. Seine Forderung: Ihre Bilder sollen nur mehr in einem Tempel für eine ausgewählte Gruppe "spirituell Suchender" ausgestellt werden. Das wird hier oder hier nochmal genauer erklärt. Was? Ein Ausstellungsverbot? Bringt in diesem Fall kein Nachdenken, nur Kopfschütteln.
Weitere Tipps findet ihr wie immer
drüben bei
 Instagram.
 
Dieser Newsletter wurde verfasst von
Barbara Unterthurner (Obfrau Verein "Büro für Gegenwartskunst")
Leite unseren Newsletter gerne weiter, er lässt sich hier abonnieren – und zu früheren Ausgaben kommst du hier oder gleich anbei:

08.03.2025: Zurechtrücken, was schief hängt
01.03.2025: Spiel mir den Hamlet, online!
22.02.2025:
Hallo, Überforderung!


 
 
Bildcredits: (1) + (2) + (3) (c) BfG, in der Ausstellung "Miriam Visaczki: Die letzten Bilder", Kunstraum Schwaz.

Büro für Gegenwartskunst
Verein zur Förderung von Gegenwartskunst im Alpenraum
Höttinger Au 76, 6020 Innsbruck
Datenschutz | Impressum